Richet Huaret - der Rote See
Text und Fotos: Margit und Manfred Unteregger

„Tunesien....wer fährt schon nach Tunesien, ist doch nur´n langweiliger Sandkasten !!!"
Immer wieder mussten wir uns diesen Satz anhören, keiner wollte glauben dass dieses verschwindend kleine Land in Nordafrika doch auch eine große Herausforderung bieten kann.
Auch Karl-Heinz, einer unserer Magirus-Fahrer und ein Freund von Libyen und Algerien wollte sich nicht von dieser These abbringen lassen – bis zu diesem abenteuerlichen Urlaub.
Durch eine Motorrad-Zeitschrift sind wir bereits 2002 auf den verlorenen See inmitten Tunesiens Dünen aufmerksam geworden. Dort stand geschrieben dass es absolut unmöglich wäre mit einem Geländewagen geschweige denn einem LKW dieses Ziel zu erreichen. Nur ein erfahrener Motorrad-Fahrer würde dies schaffen....also wirklich, so eine Behauptung kann man doch nicht auf sich ruhen lassen !!
Im Herbst 2002 starteten wir unseren ersten Versuch, doch wir mussten dieses Unternehmen leider frühzeitig abbrechen. Das Wetter und die Zeit spielten gegen uns. Wir hatten unserem lieben Freund Matthias in Nabeul versprochen uns binnen einer Woche wieder bei ihm zu melden und da wir es in dieser Zeit nie schaffen konnten, entschlossen wir uns umzukehren, bevor er eine große Suchaktion in die Wege leiten würde. Doch unser Entschluss stand weiterhin fest: wir fahren zum See egal wie !!!!
So saßen wir – Margit, Manfred, Jürgen und Martin - im Mai 2003 erneut auf dem Sonnendeck der Carthage und schmiedeten große Pläne. Nach einem kurzen Aufenthalt in Nabeul fuhren wir schnurstracks gen Süden. In Douz wartete bereits Karl-Heinz mit seinem Hund Barry. Sie wurden erst ein paar Tage zuvor mit einem Militär-Konvoi aus Algerien herausgeführt – es war die Zeit der großen Entführungen !!
Da das Fahrwerk in Jürgens HDJ 80 bereits nach 30km guter! Piste den Geist aufgab und die erste Verbreiterung Schaden genommen hatte, besorgten wir in Douz noch schnell ein „dreivierteltes" OME-Fahrwerk (eine Feder gehörte eigentlich in einen Nissan, wurde aber schnell in eine Toyo-Feder ummodeliert – nichts ist unmöglich) !!!

Dann konnte es endlich losgehen. Wir hatten einige Koordinaten zusammengesammelt (von Matthias, freundlichen Motorradfahrern etc.) und machten uns erst mal auf den Weg Richtung Nationalpark.
Nach einigen Kilometern wurde die Piste immer schlechter, bis sie schließlich im Sand verschwand. Ab jetzt mussten wir uns ausschließlich nach GPS orientieren. Jürgen – der das erste mal auf afrikanischen Boden seinen Land Cruiser bewegte – hatte den Dreh sehr schnell raus und war uns immer dicht auf den Fersen. Auch die beiden Dicken waren erstaunlich flott in den Dünen unterwegs.
Anfangs hatte ich noch leichte Schwierigkeiten den richtigen Weg zu finden, denn schließlich musste ich nicht nur nach Landcruiser-Pfaden suchen, sondern auch LKW-taugliche Strecken finden! Doch es war immer wieder erstaunlich welche Leistungen unsere Boliden zu Tage brachten !

Die anfänglich gemütlichen Dünchen entwickelten sich recht schnell zu ausgewachsenen Dünenkämmen und wir mussten immer wieder zu Fuß den richtigen Weg suchen – puuh!!
Es war nicht immer leicht zu entscheiden in welches Tal man hineinfährt und ob dieses Tal dann auch wieder einen befahrbaren Ausstieg hatte. Wenn es uns möglich war blieben wir auf dem Kamm, so hatten wir den besten Überblick. Allerdings hatten wir oft keine andere Wahl und mussten in den Kessel.

Die Abstiege waren oft gigantisch und so einige Male blieb uns auch das Herz stehen, wenn uns auf einer langen Dünenabfahrt unser Hinterteil überholen wollte oder Karl-Heinz seinen Magirus mit einem beherzten Tritt aufs Gaspedal vor dem Umkippen rettete! Mittlerweile war auch er der Meinung, dass dieses Tunesien eine war Herausforderung an uns stellte.
Barry unser treuer Wüstenhund streikte inzwischen was das mitfahren betraf und lief den ganzen Tag in glühender Sonne neben uns her – bei dem Geschaukel hätte ich das auch gemacht!
So verging also Stunde um Stunde... Düne rauf, Düne runter, aussteigen und mit GPS bewaffnet vorauslaufen, warten auf LKWs, ab in den Kessel, rauf auf den Kamm, fahren, fahren, fahren.....!!!
Um die Mittagszeit waren die Lichtverhältnisse so abartig schlecht, dass wir unmöglich weiterfahren konnten, selbst zu Fuß stolperte man ständig, weil man die Löcher einfach nicht sehen konnte. So mussten wir also in der früh um kurz nach fünf aufstehen und um sechs ging es dann auch schon los. Mittags machten wir ausgiebig Pause und ab kurz nach drei brachen wir wieder auf und fuhren bis zum Sonnenuntergang. Tag um Tag.
Irgendwie hatten wir uns diese Reise nicht ganz so hart vorgestellt und wir wollten einfach nur noch ans Ziel kommen. Langsam verließen uns die Kräfte und mit jedem Tag den wir uns weiter von der Zivilisation entfernten wurde uns bewusst, dass uns eine ebenso heftige Rückfahrt bevorstand. Hinter jeder Düne erwarteten wir den See und immer wieder sahen wir nur Sand, Sand und noch mal Sand !!

Nach vier Tagen war es dann endlich soweit.... der See lag vor uns !! Zwar war der erste Blick nicht so imposant wie bei dem Mandara-Seen, aber nach diesem Kampf war es trotzdem traumhaft. Wir wurden von zwei zurückhaltenden Hirten mit ihren Eseln empfangen und obwohl es erst Mittag war, entschlossen wir uns den restlichen Tag am See zu verbringen und erst am nächsten Tag wieder zurückzufahren. Wir hatten uns diese Pause wohl verdient und verbrachten den Nachmittag mit Schlafen, baden, faulenzen und Fotografieren – mehr war da nicht mehr drin !!

Das der „mysteriöse" See nichts anderes war als das Ergebnis einer Öl-Probebohrung war uns sofort klar, als wir das Rohr am Grund des Wassers entdeckten, aus dem ununterbrochen schwefliges Urgesteinswasser hochsprudelte. Doch das muss schon verdammt lang her sein, denn die schweren Bohrgeräte sind bestimmt nicht per Hubschrauber eingeflogen worden und die Reste der Piste hatten sich schon vor vielen Kilometern im Sand verlaufen. Nur direkt an den Tafelbergen konnte man noch Überreste davon entdecken.
Trotz alle dem waren wir glücklich es geschafft zu haben und wir waren nicht nur mit den ersten LKWs am See, sondern Manfred war bestimmt auch der erste Rollifahrer dort und wird es vermutlich auch bleiben !!

Auch wenn wir eigentlich keine große Lust hatten an die Rückfahrt zu denken...wir mussten wieder aufbrechen !!
Wir waren jedoch guter Dinge, dass es nicht schlimmer kommen konnte und wir schon übermorgen in Ksar Ghilane im Teich paddeln konnten.
...zu früh gefreut....!

Die Dünen wurden einfach nicht kleiner und das obwohl die guten russischen Karten uns dies schon lange vorgaukelten !!!
Am zweiten Tag der Rückfahrt wollten wir gegen Abend noch schnell einen Dünenkamm überqueren. Wir konnten aber einfach keinen richtigen Einstieg finden und letztendlich blieb uns nicht viel übrig den Berg mit Gewalt zu erklimmen. Wir kamen Dank unseres Leistungswunders beim zweiten Versuch hoch, waren oben sogar zu schnell um noch um die Kurve zu fahren! Jürgen hatte dann schon mehr Probleme, war dann aber nach ca. 20 Minuten auch auf dem Kamm.
Martin war der erste Magirus, der es probierte und schnell war klar, dass nur eine Sandblech-Autobahn Abhilfe schaffen konnte. Also schleppten wir die Dinger an den Hang, verbuddelten sie nach zahlreichen Versuchen Stück für Stück kam auch Martin ans Ziel.

Mittlerweile war der Sand so aufgewühlt, dass wir uns schon sorgten, den zweiten Magirus überhaupt hochzubekommen!! Wieder wurden Sandbleche verbuddelt und immer wieder blickten wir an den Horizont dem die Sonne stetig näher rückte – würden wir womöglich mitten auf dem Dünenkamm in Schräglage nächtigen müssen?!?!?
Schließlich wurde auch noch die Seilwinde ausgepackt und gerade zum Sonnenuntergang war dann auch Karl-Heinz am Ziel. Tatsächlich haben wir in den Dünen übernachtet – es ging nicht anders.
Jürgen hatte schon ein paar mal aus den Diesel-Reserven der LKWs tanken müssen – wir hatten ja Gott sei Dank unseren Zusatztank. Als dann auch noch die Batterien im HDJ 80 zu kochen begannen, hatten wir eigentlich die Schnauze voll!!
Ich hatte in weiser Voraussicht und Wüstenerfahrung eine Flasche bidestilliertes Wasser dabei und so konnten wir dieses Problem zumindest vorübergehend lösen.
Da wir aufgrund des weichen Sandes nur noch mit 0,8 Bar Luftdruck von der Stelle kamen hatten wir als Vorrausfahrende immer wieder einen Plattfuß, doch Jürgen entwickelte sich mit der Zeit zu waren Reifenflicker-Meister und stellte zum Schluss Rekordzeiten von drei Minuten auf!!

Am nächsten Tag als wir gerade wieder über endlose Dünen schaukelten blendete mich plötzlich irgend etwas und wir trauten unseren Augen nicht, als vor uns ein HZJ 105 unseren Weg kreuzte.
Sie machten jedoch keine Anstalten anzuhalten und da wir nur noch nach Ksar Ghilane wollten und es offensichtlich ortskundige Führer waren, hefteten wir uns kurzerhand an seine Spuren.
Es war nicht leicht ihm zu folgen, denn nur fliegen ist schöner!! Da er sich aber immer wieder festfuhr oder stehen blieb um unter sein klapperndes Fahrzeug zu gucken hatten wir ihn immer wieder eingeholt. An einem Brunnen am vermeintlichen „Rande der Dünen" blieben sie nun endlich stehen um ihren Reifen aufzupumpen und ihren lockeren Tank mit einem von uns geschenktem Spanngurt hochzubinden – die hintere Stoßstange war nicht mehr zu retten und lag bereits auf dem Dachträger – einfach gnadenlos!!

Wir erfuhren, dass sie heute abend noch in Douz sein wollten und da wir eigentlich nach Ksar Ghilane wollten, schlugen wir getrennte Wege ein. Nach ein paar Kilometern Piste endete diese im Nichts und wir sahen wieder nur Dünen! Also kehrten wir um, fuhren bis zum Brunnen zurück und verfolgten die Spuren des Führers – wir wollten nur raus hier!!
Wir kamen eigentlich sehr gut voran bis wir vor einem Dünenkamm standen, denn wir vielleicht mit den Autos gerade so geschafft hätten, aber die LKWs – keine Chance!!
Jetzt waren wir also wieder aufs GPS gestellt und da wir schon zu weit von unserer eigentlichen Route abgekommen waren, beschlossen wir Luftlinie nach Ksar Ghilane zu fahren – es waren ja nur noch 15 km Luftlinie !!
15 km Dünen und mit Mini-Dünen versetzte Schotterebenen !!!!
Zwischendurch entwickelte Martins GPS dann auch noch ein Eigenleben und der Pfeil drehte sich wie ein Kreisel um die eigene Achse !!
Es war einfach zuviel um dabei noch Spaß zu haben !!
Am vierten Tag entdeckten meine Augen auf zwei Uhr eine grüne Ebene in weiter ferne und obwohl wir in Richtung 10 Uhr unser Ziel anvisierten, entschlossen wir uns bis zur Ebene vorzufahren in der Hoffnung, dann von dort ohne Dünen nach links zur Oase zu kommen und wie sich herausstellte war dies die beste Entscheidung die wir treffen konnten !!
Als wir am Abend dann so im „Naturpool" der Oase Ksar Ghilane dümpelten, waren wir dann aber trotz aller Schwierigkeiten und Querelen superglücklich und stolz ohne Ende es geschafft zu haben und Martin plante schon wieder die nächste Tour zum See !!

Auch wenn wir oft am Ende unserer Kräfte waren und dies nicht nur körperlich, würden wir es wieder tun, denn der Mensch braucht Herausforderungen und Abenteuer und wir sind einfach nicht diese Sorte Menschen, die sich dieses Bedürfnis im Erlebnispark beim Achterbahn fahren stillen können.
Und die Wüste strahlt so eine Überwältigende Kraft aus – die kann man einfach nicht beschreiben, man muss sie erlebt haben !!!

Jedenfalls war es eine geniale Tour und wir haben uns als Team immer gut verstanden.
Danke also auch an meine Mitreisenden Manfred, Martin, Jürgen, Karl-Heinz und unser treuer Barry !!
Eure Margit Unteregger



